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Problemverhalten von Hunden |
Angenommene
Eigenschaften eines Hundes
– oder – das «Lassie-Syndrom»
Fernsehwerbung,
Spielfilme und Magazine gaukeln uns Bilder von Hunden vor, die nicht
nur alles können, wissen und erahnen, sondern die vor allem ihren
Menschen mit hingebungsvoller, uneigennütziger Liebe begegnen, alles
für sie tun wollen, ihnen stets helfen und dienen und im Umgang
schlichtweg perfekt sind. Sie können darüber hinaus selbstverständlich
«gut» von «böse» und «richtig» von «falsch» unterscheiden und handeln
oft moralischer als mancher Mensch.
Doch die Realität, das
genetische «Programm», sieht anders aus: Hunde handeln in der Regel so,
dass ihnen Unangenehmes fern bleibt und sich Angenehmes möglichst oft
wiederholt. Sie sind auf ihren eigenen Vorteil und Nutzen bedacht und
lernen zuverlässig, was «sicher» und was «gefährlich» ist.
Viele der so genannten Probleme bis hin zu den «Beißunfällen» basieren
auf einer falschen Vorstellung von einem allzeit treuen und selbstlosen
Freund, der grundsätzlich jeden liebt, stets fröhlich ist und Kinder
generell in sein Herz schließt
– das «Lassie-Syndrom» hat
zugeschlagen…
Was ist ein Problem?
Ein Verhalten
des Hundes, das sich störend auf die
Befindlichkeit des Besitzers, das Wohlergehen von anderen Menschen und
Tieren auswirkt oder die Gesundheit des Hundes selbst gefährdet,
bezeichnet man gemeinhin als Problemverhalten.
Es ist also in
den meisten Fällen ein «zu wenig», ein «zu viel» oder ein in der
Situation unerwünschtes und somit «falsches» Verhalten
aus Sicht des Menschen.
Die «Top Ten» der
Hundeprobleme
in unseren
tierpsychologischen Praxen, die wir nun auch in diesem Buch näher
beleuchten möchten, sind der Häufigkeit nach:
•
«Aggressionsverhalten» gegenüber Menschen
• Übertriebene
Ängstlichkeit
• Unverträglichkeit mit Artgenossen
•
Mangelhafter Gehorsam
• Hyperaktivität
•
Unkontrollierbarer Jagdtrieb
• Streunen
• Kläffen
bis zum «Umfallen»
• Das «Müllschlucker-Syndrom»
•
Probleme beim Autofahren
Oftmals kommen auch
verzweifelte Hundebesitzer in unsere Sprechstunden, die sich sehr über
eine «Unsitte» ihres Vierbeiners beklagen, welche sich bei näherer
Betrachtung jedoch als absolut natürlich herausstellt oder als normal
für die jeweilige Rasse gilt.
Das störende Verhalten passt
also lediglich nicht in das Umfeld des Hundes oder wird von Menschen
einfach «fehlinterpretiert».
Außerdem erfüllen viele Hunde
nur deshalb nicht die in sie gesetzten Erwartungen, weil Hundehalter
sich über ihre zu «hoch gesteckten» Ansprüche an den Vierbeiner selbst
nicht im Klaren sind.
Ein relativ
typisches
Erstgespräch in der Hundeschule oder Tierpsychologischen Praxis klingt
etwa folgendermaßen:
Hundeschule: «Guten Tag Familie X, wie können wir
Ihnen helfen?»
Herr/Frau X: «Wir haben
ein Problem mit unserem Hund, nämlich ... »
Hundeschule: «Was möchten Sie denn, das Ihr Hund in
dieser Situation tut?»
Herr/Frau X: «Er
soll dies oder jenes ( ... ) einfach unterlassen!»
Hundeschule: «Das haben wir schon verstanden, wie
aber soll er sich stattdessen verhalten?»
Herr/Frau
X: ... Pause ... ??? (Ratlosigkeit oder
Unverständnis breitet sich aus ...)
Hundeschule: «Stellen Sie sich bitte mal vor, Sie
möchten Ihrem Partner beibringen, Wiener Walzer zu tanzen, haben aber
selbst nicht die leiseste Ahnung von der Sache, wissen vielleicht
gerade mal, dass «Walzer» ein Tanz ist.
Glauben Sie, Sie beide werden ein harmonisches Bild abgeben?
An diesem Beispiel wird vielleicht etwas klarer, worauf wir
hinauswollen:
Solange man sich nur darauf konzentriert, was
ein Hund alles «falsch» macht, wird man es nicht schaffen, ihn das
«Richtige» zu lehren.
Nun wird den meisten klar,
was «Hundeschule» bei uns eigentlich bedeutet: Hier lernen Menschen
viel über sich selbst, über ihre Hunde und durchaus auch von ihren
Hunden.
Ein klassisches Beispiel für
das
«Aufschaukeln» eines negativen Verhaltensmusters
ist die
Unart mancher Vierbeiner, an der Leine ein großes Spektakel zu
veranstalten, wenn sie einem Artgenossen begegnen. Ohne Leine dagegen
haben sie nicht halb so viele Probleme mit derselben Situation.
Wie kommt das?
Der Hauptgrund dafür ist sicherlich die Leine,
die den Hund daran hindert, eine für ihn geeignete Distanz zum
Gegenüber zu wählen. Das allein macht die ganze Situation für ihn schon
unangenehmer. Er ist beunruhigt und verunsichert, ganz besonders wenn
der Mensch am anderen Ende der Leine seine «Not» nicht erkennt oder
falsch deutet.
Die Grafik «Eskalationsspirale» auf der
folgenden Seite soll Ihnen die Reaktionsmöglichkeiten des Hundes
veranschaulichen.
Die Eskalationsspirale (im
Original kommt hier eine Grafik)
Je höher der
Hund in dieser Spirale aufsteigt, desto geringer werden seine
Möglichkeiten, gelassen zu reagieren. Wenn sich jetzt noch die Leine
strafft oder sogar strafend an ihr geruckt wird, bedeutet das für den
Hund eine zusätzliche Bedrohung. Es aktiviert seinen
Selbsterhaltungstrieb und steigert damit sein aggressives Verhalten
enorm.
Der Hund reagiert immer heftiger, bis schließlich
wieder genügend Abstand zwischen ihm und dem anderen ist. Zu guter
Letzt glaubt der Hund wahrscheinlich auch noch, dass er die ganze
Aufregung nur «überlebt» hat, weil er ein derartiges Theater gemacht
hat.
Nach mehreren solchen unangenehmen Erfahrungen lernt das
Tier sehr schnell, dass die unteren Windungen der Spirale ihn nicht aus
der Situation befreien, also Energieverschwendung sind. Daraufhin wird
er in der nächsten vergleichbaren Situation mit seiner Reaktion
wahrscheinlich gleich ein paar Ebenen höher einsteigen.
Das
ganze Verhalten verfestigt sich durch wiederholtes «Lernen am Erfolg»
und ist dann recht bald ein typischer Fall von «erlernter
Aggression»...
Die gute Nachricht ist jedoch,
dass der Hund im Prinzip alles, was er jemals gelernt hat, auch wieder
«verlernen» kann.
Für das erwähnte Beispiel mit der
Leinenaggression kämen ein gezieltes Distanztraining, eine Gewöhnung
oder eine systematische Desensibilisierung als Problemlöser am ehesten
in Frage. Dazu jedoch später mehr in den entsprechenden Kapiteln.

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