| Fragestellung
:
In wie weit beeinflussen
Körperhaltung und Stimmvarietäten des Menschen die Gehorsamsausbildung
von Hunden ?
Zielsetzung
:
Lässt sich in
Versuchsreihen mit unterschiedlichen Hunden ( in Bezug auf Rasse,
Alter, Geschlecht ) eine Gemeinsamkeit in Lernfreudigkeit und
Lernerfolg feststellen, die in kausalem Zusammenhang mit der Art der
Befehlsgebung stehen könnte ?
Wissensstand :
Nach heutigem Wissen funktioniert das Gehör eines
Hundes sensibler als das menschliche, so hört er z.B. ein Geräusch in
einer vier Mal größeren Entfernung ( Fogle, 1996 ).
Außerdem visualisieren Hunde sich bewegende Objekte besser als
unbewegte Objekte ( Fogle, 1994 ).
Hunde kommunizieren primär
über Mimik und Körpersignale miteinander, Lautäußerungen werden (häufig
nur) begleitend oder verstärkend eingesetzt ( Hallgren, 1986 ;
Feddersen-Petersen, 1989 und 1995 ).
In vielen Bereichen
erfolgreicher Hundeausbildung, z.B. von Rettungshunden, befürwortet man
den Einsatz von Sichtzeichen deshalb als "die natürlichere Art der
Kommunikation"
( Feltmann-v. Schroeder, 1993 )
In
den Prüfungsanforderungen des größten deutschen Hundeverbandes zum
Begleithund oder dem Team-Test für Familien - Begleithunde werden
Körperhilfen jedoch mit Punktabzug "bestraft", im Hundesport wird bei
Turnieren ebenfalls jede Körperhilfe als unzulässige Beeinflussung des
Tieres angesehen ( Prüfungsordnung des Vereines für das Deutsche
Hundewesen, VDH, 1997 )
Vorgehen
:
Anhand von
Beobachtungsdaten, die ich während des Fortgeschrittenen -
Einzelunterrichts in meiner Hundeschule erhebe, möchte ich
herausfinden, ob und wie sich Hunde durch Körpersignale und akustische
Variablen des Menschen in der Qualität der Ausführung eines Kommandos
beeinflussen lassen.
Voraussetzung:
Alle Hunde beherrschen die relevanten Übungen
bereits zuverlässig ( d.h., die Reaktion auf einen Befehl erfolgt in
der Regel nach spätestens 6 Sekunden; Hunde, die dieses Kriterium nicht
erfüllen nehmen nicht an der Studie teil ) und befolgen die Hör- und
Sichtzeichen auch unabhängig davon, ob sie einzeln oder beide zugleich
gegeben werden.
Methoden
:
Mensch und Hund stehen
sich in einem Abstand von 3 m bei der Übung "Down" , bzw. in einer
Entfernung von 20 m bei der Übung "Hierher" frontal gegenüber.
Jedes Kommando soll höchstens ein Mal wiederholt werden.
Definition der in Frage
kommenden Befehle :
1.
Hörzeichen : "Down"
Sichtzeichen : Die
rechte Hand des Hundeführers bewegt sich vor dem Körper in waagerecht
gehaltener Position mindestens 20 cm abwärts und verharrt dort
Erwartete Reaktion des Hundes : Niederlegen in
"Sphinx-Stellung"
2. Hörzeichen : "Hierher"
Sichtzeichen : Die sich mit allen Fingerspitzen berührende und
über
Kopfhöhe erhobene rechte Hand des Hundeführers wird in einer fließenden
Abwärtsbewegung vor die Brust gezogen und verweilt dort
Erwartete Reaktion des Hundes : Herankommen bis auf 1 Meter
Abstand zum
Hundeführer.
Auf das "Vorsitzen" wurde keinen Wert gelegt.
Definition der
Übungssituationen :
Jeweils
für beide Übungsbefehle getrennt werden in der ersten Versuchsreihe die
Hörzeichen in Klangfarbe, Tonhöhe und Lautstärke variiert, gleichzeitig
werden die Sichtzeichen wie gewohnt gegeben.
a.)
Die Hörzeichen werden hart, laut und herrisch gesprochen.
b.) Die Hörzeichen werden weich und hell moduliert, sie
klingen
freundlich und lockend.
In der zweiten
Versuchsreihe werden die Sichtzeichen komplett unterlassen. Der
Hundeführer steht betont aufrecht und starr und hält zudem einen
unveränderlich festen Augenkontakt mit dem Tier.
a.) Die Hörzeichen werden hart, laut und herrisch gesprochen.
b.) Die Hörzeichen werden weich und hell moduliert, sie
klingen
freundlich und lockend.
Jeder Hund
durchläuft die Testreihe nur einmal, um eine Gewöhnung des Tieres an
die Übung ausschließen zu können.
Um verwertbare
Daten zu bekommen, fülle ich bei jeder Übungseinheit und für jeden Hund
einzeln ein Standard- Beobachtungsprotokoll aus.
Die
Reaktionsdauer auf den Befehl wird zur besseren Definition mit der
Stoppuhr gemessen, danach ergeben sich folgende Einteilungen:
Der Hund reagiert
schnell ( max. 3 Sek. ),
zögerlich ( max. 5 Sek. ),
langsam ( max. 8
Sek. ) oder
gar nicht ( 9 Sek. oder länger ).
Als
Beschwichtigungssignale sind in dieser Studie abgewandter Blick und /
oder Kopf, Züngeln, Pföteln, Gähnen, die Annäherung in Schlangenlinien,
Schnüffeln und / oder Stoppen während der Annäherung, sich entziehen,
Urinieren, Koten und (als Sammelbegriff) andere Übersprungshandlungen,
die während einer Reaktion auf das gegebene Kommando erfolgen,
definiert.
Datenmaterial
:
Für diese
Studie wurden im Laufe eines Jahres 62 Hunde getestet, 34 Rüden und 28
Hündinnen.
Es waren Vertreter von 39
eigenständigen Rassen und 14 Mischlinge dabei.
Das Kriterium "Hundeplatzerfahrung", im Folgenden Hp genannt, (d.h. die
Hunde haben bereits eine Begleithund-Prüfung nach den Regeln des VDH
abgelegt oder sind über einen Zeitraum von 5 Monaten und mehr daraufhin
gearbeitet worden) erfüllten zufällig genau die Hälfte aller
Teilnehmer, nämlich 19 Rüden und 12 Hündinnen.
Ergebnisse :
Die absolute Mehrheit aller Hunde
reagierte bei freundlicher Vokalisation beider Kommandi wesentlich
schneller und bereitwilliger.
Ebenfalls
reagierte die Mehrheit der Hunde (84,7 %) bereits bei der ersten von
zwei möglichen Aufforderungen, wenn die Kommandi freundlich gegeben
wurden.
Während bei herrischer Tonlage selbst bei
doppelter Aufforderung 44 Hunde ihre Mitarbeit total verweigern, gab es
diese Reaktion bei freundlicher Kommandigebung plus dem entsprechenden
Sichtzeichen, im Folgenden Sz genannt, nicht ein einziges Mal.

Da eine zögerliche Reaktion
gleichzusetzen ist mit einer Verunsicherung des Hundes, legte ich im
weiteren mein Augenmerk auf die Auswertung der Daten über die
Körperhaltung (auch Ohren-, Kopf-, und Schwanzhaltung) und die
protokollierten Beschwichtigungsgesten (im Folgenden Bg).
Das Kommando "Hierher" in herrischem
Ton ohne Sz befolgte keiner der getesteten Hunde in aufgerichteter
Körper-, Ohren- oder Schwanzhaltung. Über die Hälfte der Tiere, nämlich
32, zeigten eine geduckte Körperhaltung mit angelegten Ohren und tief
gehaltenem Schwanz.
Beim freundlichen "Hierher" in
Verbindung mit dem Sz kamen 53 Hunde in aufrechter und kein einziger in
geduckter Körperhaltung.
Die Rute eines Hundes hob
sich in keinem Fall über "neutral", sobald das Hörzeichen herrisch
gegeben wurde, oft wurde sie jedoch in den entsprechende
Testsituationen eingeklemmt getragen, was wiederum Rückschlüsse auf den
Gemütszustand des Hundes zulässt.
Beschwichtigungssignale sind ein Teil hundlicher
Kommunikation
und werden in Fällen von Verunsicherung und/oder Überforderung gezeigt
, sind also Anzeichen für einen bestehenden inneren Konflikt des Tieres.
Die Summe aller
registrierten Beschwichtigungsgesten (Bg) betrug 878.
Bei Kommandi im herrischen Tonfall wurden
insgesamt 688 Bg protokolliert.
Dem gegenüber stehen 190 Bg , die bei freundlichem
Tonfall beobachtet werden konnten.
Diese Zahl ließ sich nochmals auf lediglich 46 Bg reduzieren,
indem
einer freundlichen Aufforderung das entsprechenden Sz hinzugefügt
wurde.
Bei der Übung "Down" wurde die
durchschnittliche Zeitspanne von der Befehlsgebung bis zum ersten Bg in
Sekunden gemessen. Bei herrischem Kommandoton beschwichtigten die
Testhunde durchschnittlich doppelt so schnell, als
sie es bei freundlichem Ton taten.
Interpretation
und Fazit:
Obwohl die Zahl der am Test beteiligten Hunde ( 62 ) recht
klein ist
(und außerdem die gesammelten Daten hier nicht in Bezug zum Geschlecht,
zum Alter, sozialem Rang, den bisherigen Erfahrungen aus Aufzucht,
Prägung, Haltung ...., die Reaktionsfähigkeit herabsetzenden
Krankheiten und noch weiteren denkbaren Faktoren, die die Ergebnisse
auch beeinflussen könnten, gesetzt wurden), wage ich zu behaupten, dass
diese Forschungsarbeit einem Menschen, der alle fünf Sinne beisammen
hat und seinen Hund als Partner respektiert, eines ganz deutlich
aufzeigt :
Für die Optimierung der
Lernfreude und der Qualitätsverbesserung in der Befolgung von Kommandi
ist es absolut überflüssig, ja sogar kontraproduktiv , einen
(Familien-) Begleithund im noch immer praktizierten, eher
"militärischen Stil" erziehen zu wollen (laut bestehenden
Prüfungsordnungen zu müssen....... Der Einwand, dass man im Training
ruhig mit Körperhilfen arbeiten und lediglich während Prüfungen auf
Sichtzeichen und leise Stimme verzichten muss, ist für mich nicht
nachvollziehbar....) und damit keinerlei Rücksicht auf die
Eigen- und Besonderheiten hundlicher Sprache zu nehmen.
Wenn z.B. der verbal geäußerte Wunsch, der Hund möge zum
Halter kommen,
im totalen Gegensatz zu dessen Körpersprache steht (steif stehen zu
bleiben und ausdauernd Blickkontakt zu suchen ist unter Hunden als
eindeutige Drohgebärde oder zu mindestens Provokation zu werten), dann
braucht man sich doch nicht zu wundern, wenn das Tier Konfliktverhalten
zeigt, verunsichert wird und deshalb nur gebremst freudig und/oder
schnell - wenn überhaupt - dieser Aufforderung nachkommt.
Worin liegt der Sinn, Kommandi abgehackt und lautstark zu
brüllen, wenn
unser Hund doch soviel besser hört als wir und wir uns im "normalen"
Leben, also außerhalb eines Hundeplatzes, (hoffentlich) auch ohne diese
Schreierei mit ihm verständigen können ?
Diese
Untersuchung, so klein sie auch ist, liefert den Beweis, daß man
bessere Ergebnisse sowohl im Lernerfolg als auch in der Lernfreude
erzielen kann, wenn man seinem Hund durch die Übereinstimmung von
freundlich - auffordernder akustischer Ansprache in Verbindung mit
nicht bedrohlich wirkender Körpersprache klare und eindeutige Signale
vermittelt.
Das Zusammenleben von
Mensch und Hund wäre viel angenehmer und befriedigender für beide
Seiten, wenn man die kommunikativen Missverständnisse, die letztendlich
nur zu einem Vertrauensverlust beitragen, abbauen und nicht noch
fördern würde.
Die Entschlüsselung der
Hundesprache ist schließlich keine völlig neue Erkenntnis ........
Vielleicht kann ja diese Studie eines Tages dazu beitragen,
dass verhaltenskundliche Forschungsergebnisse von den für
Prüfungsordnungen zuständigen Institutionen endlich berücksichtigt und
umgesetzt werden ?
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